Im Juni habe ich noch nichts geschrieben

Die längsten Tage des Jahres sind vorüber, es geht wieder bergab. Leider konnte ich nicht zum Johannissingen auf den Alten Johannisfriedhof gehen, war in der Sklaverei unter dem Headset gefangen. Aber ich werde mal ein paar Bilder von dem Friedhof und evtl. ein paar Geschichte dazu einstellen. Während der Völkerschlacht hausten dort Soldaten und auch Verwundete in den Grabstätten. Heute ist er ein Ort der Kühle, der Ruhe und der Melancholie mitten in der Stadt. Werde auch mal etwas von Hans Driesch  (1867-1941) lesen, auch dessen Grabmal ist dort. Driesch ist heute weitgehend vergessen, auch wenn in Leipzig eine Straße nach ihm benannt ist. Er war einer der großen Leipziger Philosophen mit ungeheuer breitem Wissensspektrum, ursprünglich hatte er wohl Biologie studiert. Hans Bender, der Begründer des Lehrstuhls für Parapsychologie in Freiburg i.B. bezog sich auch auf ihn. Parapsychologie ist aber nur ein sehr kleiner Teil von Drieschs Lebenswerk.

In meiner Küche habe ich einen neuen Beifuß und auch ein neues Johanniskraut aufgehängt. Das bleibt bis zum nächsten Jahr. Mein Glaube hilft auch mir.Johannisöl habe ich noch, da werde ich kein neues herstellen. Wenn es lange genug an der Sonne stand, wird es schön rot, pflegt die Haut und hilft bei Verbrennungen

Ja, und dann war ich noch auf der Jahrestagung des Deutschen Ethikrates, am Tag des Sommeranfangs, wo es um das Verhältnis des Menschen zu Automaten ging. Da möchte ich aber nicht einfach so drüberhinwegschreiben. Ein einen eigenen Beitrag ist die Veranstaltung schon wert. Nachlesen kann man die Diskussion auch auf http://www.ethikrat.org.

Habe ich eine besondere Beziehung zu Vögeln???

Vielleicht beginnt sich doch nach Vollendung des 60. Lebensjahres schon langsam die Seele vom Körper zu lösen. Und vielleicht kommen die Vögel mir deshalb immer näher. Natürlich habe ich als Kind auch Vögel beobachtet. Jeden Winter baute mein Vater ein Vogelhaus auf und die Vögel kamen. Gefüttert wurde nur bei Schnee und bei Frost. Das habe ich auch bis vor ein paar Wochen noch so gehalten, auch hier in der Stadt, obwohl das Futterangebot da ja selbst zu Frost- und Schneezeiten groß ist.

2016 war es anders. Vor dem eigentlichen Winter kamen ganze Meisenfamilien auf den Balkon, so als ob sie sagen wollten: „Es wird bald Winter, wir brauchen Futter.“ So schaffte ich alles Mögliche heran und zu Frostbeginn hängte ich Meisenringe und -kugeln auf und streute Futter. Niemand kam. Den ganzen Winter nicht. Die Körner wurden buchstäblich vom Winde verweht. Die Ringe und Kugeln hängte ich noch im März im Wald auf, wo sie sich alsbald leerten. Im April räumte ich auf dem Balkon ein bischen auf und fand noch zwei Netze mit Erdnüssen. Eines hängte ich auf. Seitdem ist hier high life. Später fand ich noch ein paar Kugeln und eine halbe mit Vogelfutter gefüllte Kokosnuß. Aber nun sind die Vorräte fast zu Ende und täglich kommen Meisen und fressen. Wahrscheinlich brüten sie und es ist bequemer als mühsam irgendwo auf der Straße nach Futter zu suchen. Mal sehen, ob sie dann auch Streufutter nehmen, da habe ich noch welches.

Aber nun: Heute stand ich an der Straßenbahn, um zur Arbeit zu fahren. Da bemerkte ich an meinem rechten Bein etwas, wie ein leichtes Zupfen, sehr seltsam. Als ich an mir hinuntersah, hatte sich eine junge Meise an mein Hosenbein gesetzt und sah mich an und stupste mich an. Ich bin jetzt noch ratlos. Umstehende Leute bemerkten das und ein Mann fotografierte die Szene, nahm anschließend ganz vorsichtig das Vöglein von meinem Bein ab und setzte es in der angrenzenden Grünanlage  in einem Busch ab. Dann kam sein Bus und ich konnte ihm nicht mehr meine Karte geben, denn das Foto hätte ich auch gerne gehabt. Na ja, in meinem Geist hat sich das wohl für immer eingegraben.

Viele der Wartenden bestaunten die Szene, Kinder guckten neugierig und sie lachten und freuten sich. Aber es gab auch diejenigen, die völlig ungerührt nur auf ihren Daddelphonen herumfingerten. Sind das noch Menschen? Mensch sein heißt ja auch, sich als Naturwesen verstehen und mit seiner realen Umwelt kommunizieren. Bei vielen ist die Entmenschlichung schon sehr weit fortgeschritten, aber das faschistische Regime will es ja so. Deshalb wird (sehr erfolgreich) durch Bildungswesen und Medien versucht, die Menschen zu isolieren und von ihren kulturellen und natürlichen Wurzeln abzuschneiden.

Präsidentschaftswahl in Frankreich

Eigentlich könnte da auch „Deutsche Linke“ in der Überschrift stehen. Wenn jemand noch Zweifel daran hatte, daß die „Linkspartei“ ihre Traditionen, ihre Herkunft und viele ihrer Mitglieder (wie kann man so dumm sein oder so parteisoldatisch???) verraten hat, die Zweifel sind beseitigt: http://www.handelsblatt.com/politik/international/frankreich-wahl/frankreichwahl-kipping-und-gysi-werben-fuer-macron-lafontaine-nicht/19758548-2.html.

Nicht nur im Handelsblatt wird darüber berichtet. Sogenannte Linke werben also für einen Investmentbanker, der eine Karriere bei Rothschild, Goldman Sachs und als französischer Wirtschaftsminister hingelegt hat. Was für eine Katastrophe soll dagegen Madame LePen eigentlich sein?

Aber vielleicht haben die Anführer der linken Dreckspartei ja Informationen, was das Macron-Lager  im Falle seiner Niederlage plant.

Mein Herz schlägt trotzdem links, nämlich auf Seiten der kleinen Leute, der „Mühseligen und Beladenen“. Vielleicht sollten die, die wie Gysi und Co. es noch wagen, sich  „Linke“ zu nennen, doch mal wieder Marx (nicht Reinhardt sondern Karl) lesen, besonders „Das Kapital“. Ein wenig moderne VWL kann auch nicht schaden, dann aber lieber Varouvakis (nicht unbedingt seine politischen Ansichten, aber z.B. den „Globalen Minotaurus“) als Wagenknecht, die theoretisch auf dem Stand von Ludwig Erhardt in den 50er/60er Jahren ist. Allerdings, wenn sie selbst das ernst nehmen würde, müßte sie spätestens jetzt auch die „Linkspartei“ verlassen.

Erster Mai

Weil ich frei hatte, habe ich ein wenig auf dem Balkon gewerkelt, Erdbeeren gepflanzt, Radieschen gesät und Abfälle weggebracht. Dann war ich spazieren. Die Atmosphäre im Park war entspannt, kaum Jogger und gar keine Nordic Walker, aber viele Radfahrer, viel ganz gemütliches Volk, viele Hunde und auch Kinder.Als ich vor bald 20 Jahren in die Gegend zog, wehte über einem der Gärten immer eine stolze Deutschlandfahne. Die ist lange verschwunden, aber das hier konnte man sehen:

AltSchönefeldersterMai20171

Was die zweite Fahne bedeutet, weiß ich nicht. Mag die eine auch ziemlich viel Freimaurersymbolik enthalten (was ich früher nicht wußte), so war doch die Erklärung, die in der DDR offiziell gegeben wurde, auch plausibel. Der Hammer für die Arbeiter, der Zirkel für die Wissenschaftler (denkt da jemand an die Arbeiter der Stirn und der Faust??) und der Ährenkranz für die Bauern, die alle zusammenarbeiten. Leider konnte diese schöne Utopie nicht verwirklicht werden. Die Arbeit ist von bullshitjobs durchsetzt, in hohem Maße sogar bei denen, die sich für Wissenschaftler halten.

Walpurgisnacht

Morgen ist der 1. Mai. ich bin in einer Zeit aufgewachsen als das noch der „Kampf- und Feiertag der Werktätigen“ war. Werktätig bin ich zwar immer noch, nur der Feiertag ist weg. Als ich heute von der Arbeit heimging fiel mir das so ein, immerhin, morgen ist ein freier Tag für mich. Als kleines Kind ging ich an diesem Abend mit meiner Oma zum Fackelzug, der am Höhenfeuer endete und ich trug stolz meine Papierlaterne. Als Schulkinder trugen wir Pechfackeln, die wir ins Höhenfeuer warfen. Auf dem Marktplatz wurde auch in den 60er Jahren vor dem Umzug noch ein Maibaum aufgestellt. Allerdings lebte ich damals in einer ganz kleinen Stadt und träumte nur von Leipzig. Später ging ich mit meiner Mutter, wenn ich sie besuchte, auch zum Höhenfeuer. Manchmal war auch meine Tochter dabei oder unsere Nachbarn. Wir aßen und tranken und freuten uns. Auch heute abend werden sie in meiner kleinen fernen Stadt wieder das Höhenfeuer anzünden. Es brennt zwischen den Feldern, auf dem Platz wo früher die alte Feldscheune stand, die am Tag vor meiner Jugendweihe abbrannte. Der Griebenherd und die Wachholderbüsche sind aber immer noch da und sie werden auch hoffentlich noch stehen, wenn keiner mehr von uns lebt. Diese Nacht und der darauffolgende Tag versprechen Fruchtbarkeit (nicht nur im engen körperlichen Sinne) und Hoffnung, auch wenn die Nacht manchmal unheimlich ist, so wie das Feuer: hell und wärmend und lodernd und verzehrend, manchmal verheerend.

Vielleicht wählten die Arbeiter auch aus diesem Grund den ersten Maitag immer und immer wieder zu ihrem Kampftag. Am 1. Mai 1929 noch vom sozialdemokratischen Berliner Polizeipräsidenten und seinen Schergen zusammengeschossen, wurde 1933 der Tag der Arbeit als Feiertag eingeführt. Auch wenn das nur eine Äußerlichkeit ist, kann man doch lange drüber nachdenken, warum viele  Arbeiter nicht mehr den Parteien folgten, die auch damals schon jahrzehntelang vorgaben, Arbeiterinteressen zu vertreten. Wer allerdings heute noch den heuchelnden DGB-Funktionären folgt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Die haben (und aktuell die IG Metall) wahrscheinlich viel mehr als die Politik zur Verbreitung und Verfestigung der Leiharbeit und damit auch zur Spaltung der Belegschaften beigetragen.

Auf meinem Nachhauseweg fiel mir noch ein, daß auch Rattenkönig Birlibi in dieser MärchenbuchNacht sein Unwesen treibt, vieleicht kam mir die Walpurgisnacht auch deshalb manchmal unheimlich vor. In meinem schönen alten Märchenbuch steht die Geschichte von Birlibi.

Ostern ist vorbei

Die Arbeit geht wieder los. Ich „verdiene“ meinen Lebensunterhalt im Callcenter und bestimmt nicht im schlechtesten. Aber erst hier habe ich gemerkt, was Ausbeutung wirklich bedeutet und wieviel Untertanengeist in den Beschäftigten steckt. Na gut, es kann auch sein, daß es kein Untertanengeist sondern überhaupt kein Geist ist. Positivismus, nicht als Philosophie sondern als Lebenshaltung, erzeugt durch die (erworbene) Unfähigkeit historisch und kritisch zu denken, macht die Menschen zu Sklaven, die gar keinen „bösen“ Aufseher mehr brauchen.

Wenn ich der Headset-Sklaverei entronnen bin, falls ich das in meinem Alter noch schaffe, werde ich darüber berichten.

In meiner Arbeitsstelle scheinen sie jedenfalls die 2-Faktoren-Theorie von Frederick Herzberg anzuwenden. Die Hygienefaktoren sind entsprechend niedrig anzusetzen, aber selbst die werden (auch rechtlich) unterschritten, es muckt ja niemand auf, wenn man pro Tag 10 bis 15 Minuten unbezahlt arbeiten darf, nur um Computersysteme hochzufahren, wenn einem der Toilettengang von der Arbeitszeit abgezogen wird. Dafür gibt es aber „Motivatoren“ (Blumenstrauß zum Geburtstag, „Teamevents“ u.ä.).

Ich kann es aushalten, weil ich mich sowieso als außerhalb des Systems stehend betrachte. Zu DDR-Zeiten wurden ja diejenigen, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten, oft auch aus den VEB (volkseigenen Betrieben) entlassen und fanden dann bis zur Ausreise Unterschlupf in kleinen privaten oder halbstaatlichen Betrieben. Aus dem heutigen System hier gibt es aber keine Ausreise mehr und beruflich habe ich mich selbst rausgenommen. Das, was ich unterrichtete, konnte ich nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren. Also ist das jetzt mein „Unterschlupf“ bis zur Rente. Hoffentlich kann ich ihn noch ein wenig optimieren.

Bald ist Ostern

Auf meinem Balkon lugen schon die Radieschen hervor. Statt sie zu verziehen, ess ich einfach die jungen Blättchen und aus dem Rest werden hoffentlich schöne Radieschen. Die Kartoffel sieht auch schon nach dem Rechten und meine Tomtato-Pflanze habe ich gestern in die Küche geschleift, damit Wind und Kälte ihr keinen Schaden zufügen.

Tomaten sind auch ausgesät und warten in der Küche auf den Durchbruch. Auf dem Balkon ist ein Osterbaum gewachsen.

Ja, man könnte im Alter viele schöne und manchmal auch nützliche und interessante Dinge tun, stattdessen muß ich nachher zur Arbeit. Meine Vorfahrinnen (jedenfalls soweit ich sie gekannt habe) mußten nicht so lange arbeiten, weder in D-Ost und schon gar nicht in D-West. Frauen gingen damals mit 60 Jahren in Rente und ich werde in den nächsten Tagen so alt. In der DDR arbeiteten viele auch viel länger, es herrschte ja Arbeitskräftemangel und außerdem waren die (ohnehin niedrigen) Abgabequoten für Rentner noch niedriger.

PREISFRAGE (Preis: 1 Becher aus Zinn, leider ist schon eine kleine Beule drin. Die beste Antwort wähle ich aus, Rechtsweg ist ausgeschlossen.):

Seit den 90er Jahren ist die Produktivität in der Volkswirtschaft gestiegen. Die Abgaben sind nicht gesunken. Warum müssen die Menschen länger arbeiten. Eine Bitte: Die Antwort ist nicht: „Weil wir zuwenig Kinder bekommen.“ Das SV-System ist ein Umlagesystem und hat zwei Weltkriege überstanden. Volker Pispers hat das mal sehr schön als Kabarettnummer erklärt. Wer bei mir Unterricht hatte, hat das evtl. sogar gesehen.